Der Philosophische Fakultätentag verfolgt die derzeitige Diskussion über strukturelle Veränderungen und Einsparmaßnahmen in den Geisteswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin mit großer Sorge. Als Zusammenschluss der philosophischen Fakultäten in Deutschland unterstreicht er die Bedeutung der Geisteswissenschaften und insbesondere der Kleinen Fächer für Forschung, Lehre und wissenschaftlichen Nachwuchs, deren besondere Lage von der KMK-geförderten Arbeitsstelle Kleine Fächer eindrücklich dokumentiert wird.
Die aktuellen Debatten stehen bekanntlich in einem größeren finanzpolitischen Zusammenhang. Aufgrund der massiven Kürzungen des Wissenschaftsetats durch das Land Berlin stehen die Hochschulen unter erheblichem Handlungsdruck, die Sparvorgaben umzusetzen. Der Philosophische Fakultätentag erkennt an, dass die Hochschulen unter diesen Bedingungen vor schwierigen Entscheidungen stehen. Deren wissenschaftliche Folgen sind jedoch mit besonderer Umsicht abzuwägen.
Nach den bisherigen Informationen zeichnen sich Planungen ab, die die Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas, die Klassische Archäologie sowie einzelne Bereiche von Kunst- und Bildgeschichte und Asien- und Afrikawissenschaften betreffen, ebenso weitere Fächer der Geisteswissenschaften und insbesondere Kleine Fächer. Die bislang bekannt gewordenen Überlegungen begründen die Sorge, dass Einsparmaßnahmen Disziplinen treffen könnten, die bereits über eine sehr begrenzte personelle Ausstattung verfügen und daher strukturell besonders verletzlich sind. Zugleich wurde in Gesprächen mit Verantwortlichen der Universität deutlich, dass innerhalb der Humboldt-Universität nach Lösungen gesucht wird, die auch unter veränderten Rahmenbedingungen zentrale wissenschaftliche Kompetenzen erhalten.
Der Wegfall einzelner Professuren kann besonders in Kleinen Fächern dazu führen, dass ganze Forschungsbereiche dauerhaft verloren gehen. In hochspezialisierten Disziplinen können die Immatrikulationszahlen allein kein Kriterium für den Bestand eines Faches sein. Diese Fächer sind vor allem durch ihre Forschungsleistungen und ihre Rolle in der Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses geprägt.
Dies zeigt sich besonders deutlich in der Archäologie. Die Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas ist in dieser Form an keinem anderen Ort in Deutschland institutionell verankert; Veränderungen in diesem Bereich hätten daher Bedeutung weit über Berlin hinaus. Ebenso wie die Klassische Archäologie verfügt sie an der Humboldt-Universität über ein Profil von erheblicher internationaler Bedeutung, das sich in zahlreichen feldarchäologischen und interdisziplinären Forschungsprojekten zeigt. Zugleich sind beide Bereiche mit ihrer engen Vernetzung mit den Berliner Museen sowie mit ihren eigenen archäologischen Sammlungen für den Wissenschaftsstandort Berlin von besonderer Bedeutung. Die Sammlungen der Humboldt-Universität können ihre internationale Bedeutung jedoch nur entfalten, wenn sie kontinuierlich wissenschaftlich erschlossen und der Forschung zugänglich gemacht werden. Die Klassische Archäologie besitzt darüber hinaus besondere Schwerpunkte in den Digital Humanities sowie in der Analyse von Visual Culture und Material Culture. In diesem Zusammenhang gewinnt auch das Berliner Antike-Kolleg (BAK) als Rahmen für wissenschaftliche Kooperation und strategische Abstimmung besondere Bedeutung; eine weitere Schwächung der Archäologie, die bereits Stellenstreichungen hinnehmen musste, würde zugleich die Grundlage dieses Verbundes beeinträchtigen.
Auch die Asien- und Afrikawissenschaften haben an der Humboldt-Universität bereits in den letzten Jahren strukturelle Veränderungen durchlaufen, darunter der Wegfall der Japanologie sowie eine Neuausrichtung der China-bezogenen Wissenschaften. Zugleich nehmen sie innerhalb der Berliner Wissenschaftslandschaft eine besondere Stellung ein. Einzelne ihrer Regionalbereiche sind in Berlin, teilweise in ganz Deutschland nur hier vertreten. Das Berliner Institut zeichnet sich durch einen transregionalen Ansatz aus, der sich nur durch die Verzahnung mit monoregional ausgerichteten Professuren umsetzen läßt. Die hier vorhandene Expertise ist zudem für gesellschaftliche und politische Debatten über die betreffenden Weltregionen von Bedeutung; sie ist grundlegend für die Zusammenarbeit mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen in größeren Verbundprojekten sowie mit den Berliner Museen, insbesondere Einrichtungen im Humboldt Forum.
Ähnliche Überlegungen gelten für andere gesiteswissenschaftlichen Fächer. In der Kunst und Bildgeschichte berührt die Diskussion über die Zukunft der Architekturgeschichte zugleich die abgestimmte Entwicklung entsprechender Kompetenzen an mehreren Berliner Universitäten. Die jüngst bekannt gewordenen Entwicklungen an der Freien Universität und an der Technischen Universität lassen befürchten, dass an keiner der drei Berliner Universitäten eine Professur für Architekturgeschichte erhalten bleibt. Doch eine kunsthistorisch fundierte Architekturgeschichte ist eine zentrale Akteurin für die wissenschaftliche Beschäftigung mit urbanem Raum, historischen Bauwerken und Denkmälern und zugleich eine wichtige Kooperationspartnerin für die architekturwissenschaftliche Bauforschung, die Denkmalpflege und für weitere außeruniversitärer Partner. Ihr Wegfall würde daher nicht nur die Kunstgeschichte selbst, sondern auch benachbarte Disziplinen in Berlin schwächen. Ein koordiniertes Vorgehen innerhalb der Berlin University Alliance ist deshalb hier wie in den anderen Fällen dringend erforderlich; nur so können Synergien freigesetzt werden, die in der aktuellen Lage unbedingt genutzt werden müssen.
Planungen zur Neuordnung oder engerer Kooperation zwischen Universitäten können nur dann tragfähige Ergebnisse hervorbringen, wenn die Angehörigen der betroffenen Institute selbst an diesen Planungen beteiligt werden. Ihre wissenschaftliche Expertise ist für die Beurteilung fachlicher Strukturen ebenso unverzichtbar wie für die Entwicklung realistischer und langfristig tragfähiger Einsparpotenziale.
Entscheidungen über die Zukunft einzelner Fächer wirken weit über die jeweilige Universität hinaus. Gerade vor diesem Hintergrund kommt der Humboldt-Universität – als einer der führenden Universitäten Deutschlands – innerhalb der Berliner Wissenschaftslandschaft eine besondere Verantwortung zu. Was heute an einem Standort verloren geht, lässt sich in der wissenschaftlichen Landschaft Deutschlands oft über Jahrzehnte nicht wieder aufbauen. Diesen Maßstäben muss auch die neu eingesetzte Perspektivkommission zur zukünftigen Entwicklung der Berliner Hochschulen gerecht werden. Ihre Arbeit wird dazu beitragen, strukturelle Fragen im Zusammenhang der Berliner Wissenschaftslandschaft zu beraten. Zugleich muss es Aufgabe der Universitäten selbst und ihrer Gremien sein, die entsprechenden Entscheidungen zu treffen und dabei die langfristigen Folgen für die Entwicklung der einzelnen Fächer sorgfältig abzuwägen.
Der Philosophische Fakultätentag appelliert daher an die Verantwortlichen der Humboldt-Universität, bei allen strukturellen Entscheidungen den Bestand der betroffenen Fächer sicherzustellen und die Funktionsfähigkeit der betreffenden Institute dauerhaft zu gewährleisten, damit die Geisteswissenschaften und insbesondere die Kleinen Fächer ihre zentrale Rolle für Forschung, Lehre und wissenschaftlichen Nachwuchs weiterhin erfüllen können.
An den Berliner Senat richtet sich die Forderung, die notwendige Finanzierung der Berliner Universitäten sicherzustellen und die jüngsten Erfolge in der Exzellenzinitiative nicht durch eine kurzsichtige Finanzpolitik in Frage zu stellen.
Die Stellungnahme können Sie hier als PDF herunterladen.
