Prof. Tassilo Schmitt äußert sich zur aktuellen Situation an den Hochschulen, die einen Spagat zwischen ausgezeichneter Lehre und digitalen Angeboten vollführen sollen.

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Die Schließung von wissenschaftlichen Bibliotheken und ganzer Universitäten stellt die Vorbereitung von Lehrveranstaltungen in geisteswissenschaftlichen Fächern und mit Beginn der Vorlesungszeit auch deren Durchführung vor ungeheure Probleme.
Für deren Lösung hört man allenthalben das Stichwort „Digitalisierung“. Manche Hochschulleitung glaubt sogar, dass es gut möglich sei, „auch im Sommersemester unseren Studierenden ausgezeichnete Lehre zu bieten.“

Bedenken dagegen wiegen schwer: Weder Professoren noch Studenten sind darauf vorbereitet. Auch die technische Infrastruktur gibt das oft weder auf Seiten der Hochschulen, noch beim Lehrpersonal und bei den Studenten her.
Selbstverständlich kann man eine Art Wissensvermittlung vorbereiten, die im Niveau im Wesentlichen dem entspricht, was in der Oberstufe weiterführender Schulen möglich ist. Der Unterschied zur Schule bestünde dann allein in den Gegenständen. Das ist nicht nichts, aber es ist weit entfernt von dem, was von einem akademischen Studium erwartet wird – und zwar sowohl von interessierten Studenten als auch von engagierten Professoren.

Richtig bleiben auch alle Argumente, die für Seminare als Veranstaltungen unter Anwesenden angeführt worden sind. Virtuelle Umgebungen können hier auf unabsehbare Zeit selbst unter günstigsten Bedingungen kein vollwertiger Ersatz sein.
Es scheint so, dass die allerwenigsten Veranstaltungen in den Geistes- und Kulturwissenschaften ohne gewaltige Abstriche in digitalisierte Formate verwandelt werden können; ganz sicher wird das nicht in wenigen Wochen gelingen.

Das heißt natürlich nicht, dass Professoren nicht die Verantwortung hätten, jetzt für den bestmöglichen Ersatz zu sorgen. Aber sie sollten das im Bewusstsein tun, dass dieser Ersatz nicht nur von ausgezeichneter, sondern auch von nur angemessener Lehre in der Regel weit entfernt ist.
Herzlich willkommen sind alle Vorschläge, die solche Bedenken zu zerstreuen in der Lage sind. Sie können und müssen dann in den Fächern diskutiert und dürfen nicht schon deswegen zu neuen Standards erklärt werden, weil sie ohne Alternative sind. Für die Diskussionen ist jeweils Sachverstand nötig, den Fakultäts- und Hochschulleitungen grundsätzlich gar nicht haben können. Deswegen ist und bleibt es richtig – und durch das Grundgesetz geschützt -, dass die inhaltliche und methodische Gestaltung der Lehre in der Verantwortung der Professoren liegt.

Diese Verantwortung gilt es wahrzunehmen.

Es ist bestimmt richtig, digital oder telefonisch, in Einzelberatungen und Konferenzschaltungen so viel Wissensvermittlung wie möglich anzubieten, zu weiterem Nachdenken anzuregen und auch Skizzen und Entwürfe zu besprechen. Zugleich aber ist zu betonen, dass damit die üblichen Ansprüche an akademische Lehre nicht erfüllt werden können. Daraus folgt nicht zwingend, dass man Engagement und erbrachte Leistungen angesichts der Umstände nicht auch als adäquat im Sinne der üblichen Prüfungen anerkennen könnte. Aber es wäre Etikettenschwindel, solches als angemessene Lehre auszugeben. Auf Dauer sind solche Surrogate gar nicht möglich.

 

Prof. Dr. Tassilo Schmitt lehrt an der Universität Bremen Alte Geschichte