Klar, das Seminar ist die Königsklasse der Lehrveranstaltungen. Wo, wenn nicht hier, lernt man das intensive Sich-Einlassen auf Texte, das "deep reading", wie man jetzt so schön sagt? Das gilt sicher ganz besonders für die Altertumswissenschaften und ihre sperrigen, nur durch kleinteilige Hermeneutik zu erfassenden Quellen. Jetzt keine Seminare halten zu dürfen, bedeutet, auf den Markenkern der Alten Geschichte zu verzichten. Dachte ich.

 

Neulich schenkte Marko Demantowsky mit Gerhard Lauer dem Blog des Philosophischen Fakultätentages einen bemerkenswerten Text. Besonders hat mich sein Gedanke zum Nachdenken angeregt, auch in der Lehre vor Corona sei nicht alles Gold gewesen, was glänzt. Manches hat ja nicht einmal geglänzt. Wer erinnert sich nicht an unsäglich zähe Seminarsitzungen, die sich wie Kaugummi in die Länge zogen und wo man, anstatt eine muntere Diskussion zu leiten, vor einer Mauer des Schweigens saß? Je voller das Seminar, desto mehr gehört dieses Horrorszenario leider zum Alltag akademischer Lehre.

 

Sicher ist eine Hauptursache, dass viele Studenten heute die elementare Lesearbeit als Vor- und Nachbereitung des Seminars nicht mehr leisten – können oder wollen. Die intrinsisch Getriebenen sind in der Zertifizierungsuniversität zur Minderheit geworden. Sie versammeln sich bei mir regelmäßig in altsprachlichen Lektürekursen, die ich subversiv ins Bologna-Kurrikulum geschmuggelt habe. Da gibt es ihn noch, den Eros der Erkenntnis, der mich auf verschlungenen Pfaden durch viele Jahre des Studiums geführt hat. Aber seien wir ehrlich, ein Massenphänomen wird man aus diesem Eros nicht machen können. "Forschendes Lernen" hat meine Uni zum Ersatz als Leitbild proklamiert. So dröge wie das klingt, sehen etliche der Angebote aus, die wir dort einstellen. Wir Profs machen es uns jedenfalls zu leicht, wenn wir die Schuld nur bei den Studenten abladen, die ja, das vergessen wir zu oft, genauso Opfer des politisch gewollten Irrsinns sind wie wir selbst.

 

Ich muss gestehen, dass ich nach anfänglichem Fremdeln Gefallen an der Lehre auf Distanz gefunden habe. Nicht als Ersatz der Präsenzuni (wie im Moment) ist sie eine feine Sache, wohl aber als Ergänzung. Ich kann neue Formate ausprobieren, mich tastend an andere Medien heranwagen. Vor allem stelle ich fest, dass bei entsprechendem Arbeitseinsatz mehr Individualbetreuung möglich ist als im Präsenzbetrieb. Das klingt zunächst paradox, aber im Zusammenspiel zwischen Dozent und Student entsteht viel Gutes. Das umfangreiche Beratungsangebot via Skype wird vor allem von aufgeweckten, kritischen Geistern dankbar angenommen. Studenten müssen mehr Schreiben als sonst und ich muss ein präziseres, problemorientierteres Feedback geben als unter normalen Umständen, wohlgemerkt nicht in Form von Noten, sondern von konkreten Verbesserungsvorschlägen. Davon werde ich, soviel es geht, ins Postcoronazän retten, und für die Anregung dazu bin ich Marko Demantowsky und Gerhard Lauer sehr dankbar.

 

 


Prof. Dr. Michael Sommer ist Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages und lehrt an der Carl von Ossietzky Universität Alte Geschichte.

 

 

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Es ist nicht alles Gold, was glänzt

 

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